Ich pflege: Idref (33)

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„Pflege und Rap – das ist kein Widerspruch“

Idref ist Pflegekraft mit Herz und Seele (Foto: Ferdi Cebi)

Bürgerlicher Name: Ferdi Cebi
Alter: 33
Ort: Paderborn
In der Pflege seit: 2003
Beruf: examinierter Altenpfleger
Arbeitsumfeld: Pflegeheim

 

Wie kamst du darauf über Pflege zu rappen?

Die Musik ist für mich ein Ausgleich. Früher hab ich viel Sport getrieben, heute ist es Musik. Sie hilft mir dabei, meine Erlebnisse zu verarbeiten. Und da ich Pfleger bin, finden viele davon im Pflegeheim statt. Außerdem will ich die positiven Seiten der Pflege betonen. Von denen hört man viel zu wenig.

Dein YouTube-Video zu „Alt und krank“ hat inzwischen mehr als 80.000 Klicks. Wie fühlt sich das an?

Ich hätte nie mit so etwas gerechnet. Verschiedene Websites haben auf mich hingewiesen und mir geholfen den Song bekannt zu machen. Trotzdem, dass so viele Leute das Video anklicken und teilen, hätte ich nie gedacht.

Den Clip hast du im Seniorenheim gedreht. Erzähl mal.

Mein Album heißt „Momente des Lebens“. Man durchlebt praktisch alles von der Geburt bis zum Tod. „Alt und krank“ ist eines der letzten Lieder. Die Idee ein Video im Heim zu drehen, kam von mir. Ich hab ein Drehbuch geschrieben und es meinem Heimleiter vorgelegt. Er war sofort begeistert.

Wie kamen die Dreharbeiten bei den Bewohnern an?

Die haben allen viel Spaß gemacht. Im Video sind vier orientierte und vier demente Menschen zu sehen. Alle waren sich einig, dass sie gerne wieder mitmachen würden. Ich war selbst begeistert und plane schon weitere Projekte. Nächstes Mal soll es aber ein lustiger Clip werden.

Singst du auch im Heim?

Das hab ich schon gemacht, ja. Inzwischen wurde ich sogar schon einige Male von anderen Einrichtungen gebucht. Ich bin zum Beispiel in München beim Tag der offenen Tür eines privaten Pflegeanbieters aufgetreten. Oder auch in Nürnberg. Die Betreiber wollen den Jugendlichen so zeigen, wie „cool“ Pflege sein kann.

Klingt nach einem vollen Terminkalender. Wann bleibt dir da noch Zeit, um neue Songs zu schreiben?

Das ist noch gar nicht alles. Ich hab auch noch einen Sohn (lacht). Die Zeit nehme ich mir. Wie gesagt, für mich ist die Musik der Ausgleich zur Pflege. Wer nur arbeitet, macht sich kaputt. Bald hab ich Urlaub. Da werde ich zwei, drei Tage im Studio sein und neue Songs aufnehmen.

Heißt das, ein neues Album ist geplant?

Ja, genau. Es werden sicher auch wieder Tracks über die Pflege drauf sein.

Die Wenigsten würden Pflege und Rap zusammenbringen. Warum passt es für dich trotzdem?

Ich bin kein Fan von Gangster-Rap. Meine Songs handeln von dem, was ich erlebe. Für mich ist Pflege nicht uninteressanter als Storys aus Berlins Straßen. Mit meinen Songs will ich vor allem die Pflegenden selbst ansprechen und so den Zusammenhalt untereinander stärken. Etwa mit meinem Song „Gemeinsam“.

“Wir gehen gemeinsam und zwar Hand in Hand,
der ein oder andere macht den Beruf schon ganz schön lang.”

Gibt es diesen Zusammenhalt denn?

Bei uns in der Gegend schon. Ich engagiere mich auch für „Pflege am Boden“. Am Tag der Pflege standen wir mit 500 Leuten vor dem Rathaus. Aber das variiert von Region zu Region. Könnte sicherlich besser sein. Viele jammern nur, unternehmen aber nichts.

“Wir lieben den Beruf, darum handeln wir grad.
Alle gemeinsam denn zusammen sind wir stark!
Gemeinsam sind wir stark!”

Wenn du dich zwischen der Musik und der Pflege entscheiden müsstest, was würdest du wählen?

Puh, das ist schwierig. Wenn es mit der Musik zukünftig noch besser läuft, könnte ich mir vorstellen meine 100-Prozent-Stelle auf 80 runterzufahren oder so ähnlich. Den Pflegeberuf ganz aufzugeben, kann ich mir nicht vorstellen.

Was wünschst du dir für die Pflegebranche?

Dass sie von der Öffentlichkeit endlich positiver angesehen wird. Wir sollten nicht nur das Negative betonen, sondern vor allem auch die schönen Seiten zeigen. Und natürlich, dass sich die politischen Rahmenbedingungen ändern. Das würde uns allen den Job erleichtern.

Idref im Internet
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Jahrgang 1989, „Die Pflegebiblerin“ hat Medienwirtschaft in Stuttgart studiert, langjährige Jugendleiterin, lernte den Online-Journalismus bei ProSiebenSat.1 Digital kennen, arbeitete in einer Londoner Nachrichtenagentur, hat die besten Ideen beim Wandern und ist begeisterte Köchin. Ihr Lebensmotto: Wenn Plan A nicht funktioniert, bleiben noch 25 andere Buchstaben.

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