„Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedienst der Nation“

3
348

Verein wir pflegen macht politische Lobbyarbeit für pflegende Angehörige

Verein wir pflegen vertritt pflegende Angehörige in Politik und Gesellschaft. Durch Lobbyarbeit finden Angehörige mehr Gehör. (Foto: wir pflegen)

Pflegende Angehörige werden oft als die Dienstboten der Nation bezeichnet. Immer noch werden Ehepartner, Kinder und andere Familienangehörige, die mit ihren pflegebedürftigen Angehörigen oft Schwerstarbeit verrichten, viel zu wenig ernst genommen. Wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e. V will das seit 2008 ändern.

Pflegenden Angehörigen fehlt es an Selbstbewusstsein

„Es fehlt pflegenden Angehörigen oft an Selbstbewusstsein. Das wundert mich nicht, denn sie werden von unserer Gesellschaft immer noch zu wenig ganz konkret und im Alltag wertgeschätzt“, sagt Barbara Riethmüller, Vorstandsmitglied bei wir pflegen. Praktisch unbezahlt und weitgehend ignoriert sehen sich diese „wichtigsten Leistungsträger in der Pflege“ ständiger Kritik ausgesetzt. Kaum einer fragt, wie es dem „größten Pflegedienst der Nation“ eigentlich gehe, so Riethmüller. Neben gesellschaftlicher Wertschätzung fehlt es Vielen auch an finanzieller Anerkennung. Denn mehrere tausend sind von Pflegearmut betroffen.

Barbara Riethmüller vom Verein wir pflegen setzt sich für die Interessen pflegender Angehöriger ein. (Foto: privat)

Politische Lobbyarbeit für pflegende Angehörige

Zunehmend kann die Interessensvertretung die Bedürfnisse pflegender und begleitender Angehöriger auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen vertreten und ist auch Ansprechpartner für Entscheidungsträger in der Politik und für die Medien. „Weil wir nahe am Alltag pflegender Angehöriger sind, leisten wir oft auch anschauliche Aufklärungsarbeit bei Parteien und in Arbeitskreisen”, erläutert die 68-Jährige Erziehungswissenschaftlerin.

Breites Netzwerk verschafft Gehör

Durch Kooperationen beispielsweise im Bündnis für gute Pflege, dem Zentrum für Qualität in der Pflege und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen bekommt wir pflegen zunehmend Kontakte zu den relevanten Akteuren, Gruppen und Einrichtungen und verschafft so pflegenden Angehörigen Gehör. Durch Öffentlichkeitsarbeit – auch in den sozialen Netzwerken – und Positionspapiere will der Verein Angehörigen den Rücken stärken, Wege zu den richtigen Ansprechpartnern zeigen „und sie insgesamt aus ihrer Rolle als Bittsteller herausholen“, sagt Riethmüller. Dazu muss die soziale und rechtliche Rolle der Betroffenen gestärkt werden, findet die langjährige Angehörigen-, Senioren- und Demenzfachberaterin, die selbst ihre pflegebedürftige Mutter betreute.

Was die Angehörigen angeht, ist Deutschland Entwicklungsland

In Schottland beispielsweise haben pflegende Angehörige mit VOCAL schon seit Jahrzehnten eine starke Lobby. In Skandinavien wurden in den Kommunen im Zuge der demographischen Entwicklung schon längst passgenauere Hilfesysteme entwickelt. „Was das Thema angeht, ist Deutschland Entwicklungsland“, sagt Riethmüller, was man bei europäischen Zusammenschlüssen wie Eurocarers genauso sieht.

Neben der Initiative Jump, die junge Menschen mit Pflegeverantwortung aus dem Verborgenen holt, hat wir pflegen auch die Initiative gegen Armut durch Pflege gestartet und engagiert sich für eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Mitglieder erhalten einen Informationsbrief “wir gemeinsam”, in dem diese Experten in eigener Sache Erfahrungen und Tipps austauschen.

TEILEN
Leila Haidar
Leila Haidar ist freie Wirtschaftsjournalistin aus Stuttgart. Sie ist für verschiedene überregionale Tageszeitungen tätig, schreibt für Fachmagazine und beschäftigt sich mit den verschiedensten Themen, darunter Personal, Industrie und Logistik.

3 KOMMENTARE

  1. Ich schätze diese Institution sehr da ich weiß , was es heißt zu begleiten und zu pflegen. Die Anerkennung und Wahrnehmung wird sogar von den eigenen Angehörigen und eigenen Kindern unterschätzt , sogar ignoriert und nur als eine Zahl betrachtet. Man gibt in jungen Jahren Job auf und es ist schwer nach der Pflege eines Angehörigen, wieder in seinen Beruf hinein zu kommen. Was blieb, war die eigene Heimat verlassen, um beruflichen Neustart zu finden. Auch dann wird man nicht verstanden. Ich ziehe den Hut vor jedem. …

    • Liebe Frau Moteka,
      da sprechen Sie mir und den vielen pflegenden Angehörigen aus der Seele! Das sind Menschen, die einen Wahnsinns-Job machen und viel zu wenig Anerkennung dafür erfahren.

    • Sehr geehrte Frau Moteka,
      in dieser Institution bin ich kein Mitglied, aber ich stimme Ihnen voll zu. Es tut einem meistens weh, dass andere Menschen zwar angeblich Verständnis haben, aber eigentlich erst nachvollziehen können, wie sich das Leben mit einem Demenzkranken gestaltet, wenn man sie mal gebeten hat, sich um den zu Pflegenden zu kümmern und nicht nur den Augenblick zu erleben, da der Kranke meist – so wie bei meinem Mann – ein sehr gutes Fenster hat. – Mir geht es nicht um die Anerkennung, da ich finde, dass es normal ist, dass ich meinen Mann pflege, weil ich ihn liebe. Sie waren offenbar noch jung, als Sie mit dem Problem konfrontiert wurden, und ich bewundere Ihre Initiative. Ich bin 76 und mein Mann 90, da ist es etwas ganz anderes.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here