Verbesserungen fürs marode Pflegesystem

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Die Realität: Zu viele MDK-Gutachter ignorieren Pflegetagebücher

Damit das Pflegesystem funktioniert und weniger Menschen in arm durch die anfallenden Kosten werden, können Mitarbeiter der Pflegedienste, doch vor allem des MDK an ihren Stellschrauben drehen. Foto: Daniela Reichart

Die Prozedere, um Pflegestufen festzustellen, dominieren die Pflegeversicherungen. Bezahlt von den Beitragszahlern, kommt über sie das Geld. So gerecht, wie es sein könnte, ist das durch Umlage finanzierte System wie bekannt leider nicht. Doch es gibt ein paar kleine Dinge, die sich ohne viel Aufwand bessern ließen. – Ein Appell einer zu ihrem Schutz anonymen Pflegedienstleiterin.

Sie ist Pflegedienstleiterin, Altenpflegerin und einiges mehr. Die Bayerin hat 20 Jahre Berufserfahrung und jede Menge Kritik auf Lager. Sie tut in ihrem Umfeld dagegen, was sie kann. Doch für diesen Artikel will sie anonym bleiben. Aus Angst, ihr könnte die PDL- oder Altenpflege-Lizenz entzogen werden.

Tropfen höhlen den Stein

Die geborene Norddeutsche weiß, dass im Pflegesystem das Geld nicht so schnell gerechter verteilen lässt. Dazu müsste es sich grundlegend ändern. „Doch ich bin davon überzeugt, dass jeder in der Pflege an kleinen Stellen etwas verbessern kann. Etwa, wenn ich bei einem MDK-Gutachten dabei bin“, sagt die Frau am Telefon.

Die Zeit fehlt

Denn eines ihrer größten Ärgernisse ist das Verhalten vieler Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Denen fehlt oft die Zeit, um sich ein richtiges Bild vom Pflegebedürftigen zu bilden. Denn mehr als eine halbe bis dreiviertel Stunde können sie sich nicht nehmen. „Oft schwatzen Angehörige die Prüfer davon noch 15 Minuten voll“, erzählt sie. Das macht es den MDK-lern nicht einfacher.

Ignorierte Pflegetagebücher

Doch was sie nicht verzeihen kann, ist das Ignorieren von Pflegetagebüchern, die es den Gutachtern leichter machen sollen. Und in die viel Aufwand auf Seiten der Angehörigen gesteckt wurde. „Das habe ich schon so oft erlebt. Von 20 Prüfungen schauen sich die MDK-ler ein- bis zwei Mal die Aufzeichnungen an. Am ehesten schauen sie noch in die Dokumentation“, berichtet die gelernte Altenpflegerin.

Stolz unterschätzt oder Tendenz zur niedrigen Stufe?

Dazu kommt: In ihrer halben Stunde können die MDK-Prüfer bei den Senioren vor allem nur erfragen, was zu welchem Grad noch alleine funktioniert. Doch viele alte Leute überschätzen sich gern oder wollen gegenüber einem Dritten prahlen, was sie noch alles selbst können. Vor allem, wenn sie eine leichte oder stärkere Demenzkrankheit haben. „Auch wenn das zu einer niedrigen Pflegestufe führt, ist der Stolz der Leute dann ungebremst“, weiß die Recherchepartnerin. Wenn ich oder der Angehörige dann dagegen redet, wurde ihnen der Mund verboten.

Intelligent eingreifen

Also wendet sie dann Trick 17 an: „Oft sitze ich dann mit offenem Mund da, höre, was der Pflegebedürftige noch alles können soll und denke mir, das gibt’s doch nicht. Also frage ich den Senior, ob er mir kurz helfen will, das Essen zuzubereiten, also ein paar belegte Brote.“ Parallel fragt der Gutachter weiter und sieht dann ja deutlich, dass der alte Herr längst nicht mehr die Messer findet und die Hände zu sehr zittern, um Butter aufs Brot zu streichen. Oder theoretisch dauert eine Medikamenteneinnahme zwar nur wenige Minuten. „Aber wenn eine Seniorin die Tabletten oft verlegt, sind sie auch für mich wie vor kurzem erst in 20 Minuten auffindbar“, erklärt sie das schwierige Einschätzen des Zeitbedarfs. Sie wünscht sich, dass Gutachter öfters nicht nur ihre Liste nützen, sondern auch versuchen, nachzuempfinden.

Seltsame Zufälle

Was der Pflegedienstleiterin und ihren Kollegen auch auffällt, sind komische Zufälle: „Wir beobachten das mittlerweile gezielt, denn es darf eigentlich nicht sein. Jedenfalls gibt es am Anfang eines Quartals eher Zusagen für höhere Pflegestufen. Gegen Ende des Quartals gibt es viel mehr niedrige Leistungsbescheide.“ Welche Gründe dahinter stecken könnten, kann sie sich nicht schlüssig erklären. Doch gerecht wirkt es nicht.

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