Im Netz der Pflegemafia

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Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden

Claus Fussek und Gottlob Schorer decken in ihrem Buch “Im Netz der Pflegemafia” Missstände in der Pflege auf. (Foto: randomhouse)

In keinem anderen Bereich unserer Gesellschaft ist der Kontrast zwischen dem, was Träger zu leisten vorgeben, und dem, was tatsächlich für hilfebedürftige Menschen getan wird, größer als in der Altenpflege. Claus Fussek und Gottlob Schorer decken Missstände in der Pflege auf.

Schmutzige Geschäfte

Wer ins Seniorenheim muss, der hat nicht gut lachen. Denn trotz monatlicher Kosten von gut 3000 Euro geht es in „Seniorenresidenzen“ meist übel zu. Hier regieren überlastete Pflegekräfte, Billig-Essen und das Geschachere ums Geld. Die Autoren des Titels „Im Netz der Pflegemafia“, Claus Fussek und Gottlob Schorer, sprechen sogar von „mafiösen Strukturen“. Eine weitere ausführliche Rezension gibt es auch beim Stern.

System macht Missbrauch erst möglich

Ob ein Heim gut oder schlecht ist, erkennen Laien auf den ersten Blick gar nicht. Das sei eines der Hauptprobleme. So stechen die schwarzen Schafe kaum heraus. Schon die Einrichtungsbezogenen Qualitätsberichte (MDK) der Häuser dürfen nicht veröffentlicht werden.

Pflegelobby leistet Widerstand gegen Verbesserungen

Allein die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrt e.V. (zum Beispiel Caritas, Rotes Kreuz, Arbeiterwohlfahrt) und der Bundesverband Privater Anbieter Sozialer Dienste e.V. vertreten nach eigenen Angaben zwei Drittel aller Pflegeeinrichtungen in Deutschland.

Es geht ums Geld

Die Autoren recherchierten auch, was mit den 2000 bis 3000 Euro pro Bewohner eigentlich passiert. Fussek und Schorer stießen auf jede Menge fiktive Lohnabrechnungen. Angeblich wird in jedem zweiten Heim Phantompersonal abgerechnet. Mit überflüssigen Transporten vom Heim ins Krankenhaus und zurück werden die Kassen abgezockt.

Gesundheit der Pflegebedürftigen stagniert

Fitte Alte bringen weniger Geld ein, als Bettlägerige. Denn je höher die Pflegestufe, desto höher das Pflegegeld. Deshalb haben Pflegeeinrichtungen, so die Autoren, kein Interesse daran, die Gesundheit der Bewohner zu verbessern. In vielen Häusern können beispielsweise die Ernährung und Flüssigkeitszufuhr aus zeitlichen Gründen nicht mehr durch Füttern sichergestellt werden. Die praktische Alternative: Magensonden. Manche Alte kommen wochenlang nicht aus dem Bett. Das wünscht niemand seinen Eltern.

Kliniken kassieren mit

Geschwüre, die vom Wundliegen herrühren, werden im Krankenhaus für bis zu 30.000 Euro behandelt. Obwohl Wundliegen leicht verringert oder verhindert werden kann, wenn die Richtlinien der Expertenstandards eingehalten werden.

Pflegesystem schwer durchschaubar

Mafiöse Strukturen können dann entstehen, wenn zu wenig Transparenz herrscht. Und sind einmal genug Nutznießer des Systems vorhanden, ist es schwer, etwas zu ändern.

So erkennen Sie ein gutes Heim

  • Lange Wartezeiten auf einen Heimplatz
  • Persönlicher Eindruck vor Ort
  • Angehörigenbeirat
  • Heimleiter interessiert sich für den neuen Bewohner

So erkennen Sie die Schummler

  • Sie werden in ein bewohntes Zimmer geführt, ohne dass der Senior gefragt wird.
  • Personal ist zu gestresst, um zu grüßen oder Fragen zu beantworten
  • Die allgemeine Stimmung ist schlecht
  • Es riecht unangenehm
  • Gibt es einen Garten, Café, einladenden Gemeinschaftsraum?
  • Wie sehen die Bäder und Toiletten aus?

Buchtipp: „Im Netz der Pflegemafia – Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden“, von Claus Fussek / Gottlob Schorer. C. Bertelsmann Verlag, München 2008. 399 Seiten, 14,95 Euro.

1 KOMMENTAR

  1. Liebe Laila, da hast Du ein heißes Eisen angefasst. Die Argumente klingen plausibel. Im Kern scheint mir das aber ein Problem unserer segmentierten Gesellschaft zu sein. Früher wurden die Alten zu Hause irgendwie versorgt. Heute haben viele Alte keine Angehörigen mehr oder diese wohnen weit weg bzw. haben keine Zeit.

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