Automatisierung im Pflegeheim

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Inkontinenz-Sensoren, Dusch-Automaten: Sparen Maschinen Zeit oder Pflegekräfte ein?

Schon heute können Arzneimittelschränke an die Medikamenteneinnahme erinnern. Oder Pfleger und Senioren können per Mikrofon und Lautsprecher miteinander kommunizieren. Altwerden könnte bald bedeuten, sich zunehmend von Maschinen und Automatisierung helfen zu lassen.

Mehr Technik in der Pflege bedeutet im schlechtestns Fall auch weniger menschliche Berührung. Foto: Andreas Bohnenstengel

Beispiel Japan

Demografischer Wandel, unterbezahlte Pflegekräfte, ein marodes Pflegesystem – diese Themen gibt es nicht nur in Deutschland. In Japan gibt es noch weniger Nachwuchs und ebenfalls unfaire Pflegestrukturen. Ihre Technologie lieben mindestens so sehr wie die Deutschen. Und sie nützen sie: Pflegeroboter mit starken Armen, die alte Menschen aus dem Bett hieven, sind an der Tagesordnung. Und es gibt Teddybären mit elektronischem Kern, mit denen Demente kuscheln können.

Dusch-Automat

Die Elektronikfirma Sanyo brachte vor gut zehn Jahren sogar einen Vollwaschautomaten für Pflegebedürftige auf den Markt: Die Senioren wurden einfach vom Pfleger in das eiförmige Behältnis gesetzt und dann wurde der alte Mensch mit Schaum- und Wasserdüsen abgewaschen.

Bisher nur zu teuer

Mittlerweile werden die Maschinen zwar nicht mehr hergestellt. Aber nicht, weil die Automatisierung von den Senioren nicht angenommen wurde. Sondern nur, weil sie mit umgerechnet rund 45.000 Euro Verkaufspreis einfach zu teuer für die meisten Pflegeeinrichtungen war.

4,5 Millionen Pflegebedürftige bis 2050

Hierzulande wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2050 von derzeit gut 2,6 Millionen auf rund 4,5 Millionen wachsen, schätzt das Statistische Bundesamt. Die Herausforderungen die mit diesem Trend einhergehen, ähneln denen der Asiaten: Eine sinkende Zahl an Pflegekräften muss die steigende Zahl an Senioren betreuen, die ihren Alltag nicht mehr selbst bewältigen können.

Es fehlt nicht nur an Menschen, sondern auch an Geld der Kranken- und Pflegekassen, um in Zukunft noch viel mehr Pflegebedürftige versorgen zu können. Derzeit wird rund ein Drittel aller Pflegebedürftigen in Heimen betreut. Das kostet die die Kassen derzeit im Monat 1550 Euro pro Kopf.

Geld sparen oder unmenschlichere Systeme verursachen

Schon jetzt sparen die Kassen und damit gezwungenermaßen auch die Heimbetreiber an allen Ecken und Enden, um die Kosten begrenzen zu können. Ob teure Technik sich lohnt oder nur ein unmenschlicheres Pflegesystem mit weniger Arbeitsplätzen forciert, versuchen Hersteller und Anwender in Praxistests herauszufinden. Darunter Panasonic, Remeo, Binder Elektronik, Bruderhaus Diakonie, Linde, T-Systems und die Berliner Charité.

Automatisierung hilft auch subtil

Weshalb es bei uns im Gegensatz zu Japan noch relativ wenig Automatisierung in Einrichtungen gibt, liegt unter anderem wohl an der Zuwanderung. Die Kräfte kommen immer häufiger aus Osteuropa, Afrika und Asien. In Japan dagegen gibt es solche Zuwanderung kaum.

Trotzdem arbeiten auch in Deutschland Firmen unter Hochdruck daran, die Pflege technisch zu unterstützen. Nur auf etwas subtilere Weise als per Pflegeroboter und elektronischer Weglaufsperre. „Hier sind vor allem sogenannte Ambient Assisted Living-Konzepte (AAL) in der Entwicklung und häufig auch schon in der erfolgreichen Anwendung“, sagt Bernd Tews, Geschäftsführer beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). AAL ist Technik, die etwa in Einrichtungsräume eingebaut wird, um die Bewohner dezent in ihrem Alltag zu unterstützen. Tews vertritt die politischen Interessen der ambulanten Pflegedienste.

Ein Patronus für betreutes Wohnen

Einige Technik-Projekte unterstützt das Bundesforschungsministerium, mit denen Pfleger etwa in betreuten Wohnheimen entlastet werden sollen und die Senioren länger selbstständig bleiben können sollen. Eines davon heißt „Patronus“, das momentan im baden-württembergischen Reutlingen getestet wird.

„Mit einer Bedarfssoftware erstellen wir individuelle Pakete an Technik für die Räume der Pflegebedürftigen und koordinieren dann die Anbieter, die die Komponenten einbauen”, erklärt Projektkoordinatorin Barbara Steiner von der verantwortlichen Bruderhaus Diakonie.

Technik passt auf

Wenn sie von Patronus und den Techniken spricht, meint sie etwa ein Notrufsystem, eine automatische Rollladensteuerung, Sturz-Detektoren, Sensoren an Wasch- und Spülmaschine oder Lichtschranken an den Türen – mit deren Hilfe Pflegekräfte sofort die Information auf ihr Smartphone bekommen, wenn ein Betreuter das Haus oder den Wohnbereich verlassen hat.

„Inkontinenzereignisse“

Andere vom Forschungsministerium unterstützte Anbieter sind dabei, Video- und Audiosysteme sowie Geruchssensoren einzusetzen: Wenn etwas nicht stimmt oder der Senior sich unwohl fühlt, kann er per Bildschirm einen Pfleger oder Arzt sprechen. Genauso lässt sich ein Geruchssensor am Bett montieren, der „Inkontinenzereignisse“ melden kann.

Sinn oder Unsinn

Zum Einen lässt sich argumentieren, dass bestimmte Assistenzsysteme den Pflegekräften mehr Zeit geben könnte, sich auf die eigentliche Pflege zu konzentrieren: Etwa, wenn Serviceroboter das Einsammeln der Essenstablette abnehmen. Genauso könnten Roboter die schweren Tätigkeiten abnehmen, unbewegliche Senioren aus dem Bett in den Rollstuhl zu transferieren.

Auf der anderen Seite steht die Gefahr, wie Technik Menschen immer mehr von den Dingen des Alltags entfremdet. Und eventuell dafür sorgt, dass Entscheider aus missverständlichen Eindrücken und Unverständnis dann Arbeitsplätze an der falschen Stelle einsparen. Von wegen: „Ihr spart am Tag so viel Zeit, dann braucht es die Hauswirtschafts-Stelle doch gar nicht mehr.“ Was wo Sinn macht, wird nicht am leichtesten zeigen, wenn Einrichtungen ausprobieren.

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