Pflege allein zu Haus: Mehr Angebote für junge Pflegefälle

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In der Öffentlichkeit herrscht falsches Bild von Pflegebedürftigen

Pflegende Angehörige sehnen sich nach Unterstützung: Junge Pflegefälle brauchen kompetente Pflegeangebote, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. (Foto: AOK Mediendienst)

Wenn ich im Internet nach Hilfsmitteln schaue oder über Pflege nachlese, finde ich überwiegend Bilder von Senioren. Warum ist das so?

Ich gebe zu, dass mich das ziemlich nervt. Auch Internetseiten haben oft Titel, die das Wort „Senior“ beinhalten. Manchmal finde ich auch Bilder von kranken, pflegebedürftigen Kindern. Hauptsächlich dort, wo es um Spenden geht. Doch nicht nur Senioren oder Kinder sind pflegebedürftig . Im Gegenteil. Ich kennen viele Senioren, die fitter sind als einige meiner Bekannten.

Falsches Bild von Pflege

In meinen Augen ist das ein total falsches Bild, welches der Öffentlichkeit vermittelt wird.
Es gibt sie, die kranken Jugendlichen. Die jungen und mittelalten Pflegebedürftigen.  Warum sieht man die fast nirgendwo? Geben Sie mal im Internet als Suchbegriff “Hilfe im Alltag” ein. Spätestens dann verstehen Sie, was ich meine.

Frust vieler pflegender Angehöriger

Ich habe diesen Gedanken vor kurzem in einer Facebookgruppe pflegender Angehöriger niedergeschrieben. Die vielen Rückmeldungen sprachen für sich. Etliche pflegende Angehörige sind gefrustet! Zumal es ja nicht nur um das falsche Bild geht. Oder die Bilder, die gezeigt werden. Das Bild der Pflege beinhaltet oftmals nur einen Personenkreis. Das ist verkehrt! Pflege beinhaltet viel mehr.

Mehr Fragen als Antworten

Die meissten Antworten, die ich erhielt waren eher Fragen: Was ist mit jüngeren Pflegebedürftigen, die so eingeschränkt und hilfebedürftig sind, dass sie rund um die Uhr jemanden brauchen? Im Kopf total klar, aber der Körper macht nicht mehr mit. Wo gibt es passende Kurzzeitpflegeplätze? Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich selber krank bin oder nervlich am Ende? Oder ich las wütende und gefrustete Aussagen: Ich kann nicht mehr! Aber ich finde niemanden, der bei uns hilft.

Ich weiss, es gibt noch Menschen, die nicht glauben, dass wir pflegenden Angehörigen oft keine richtige Hilfestellungerhalten erhalten, wenn wir fragen. Aber es ist so. Hätte ich soetwas früher gelesen,  ich hätte es kaum geglaubt. Die traurige Wahrheit ist: Wir werden oft allein gelassen.

Als ich Ende 2014 wegen einer bevorstehenden Operation nach Alternativen zu meiner Pflege schauen musste, war ich echt geschockt. In Hamburg sah sich nur einer von vier Pflegediensten in der Lage, vier Mal am Tag vorbeizukommen. Ein anderer Pflegedienst bot die Alternative einer Pflegegruppe mit Gemeinschaftsraum und Küche. Die Bewohner kümmern sich umeinander. Eine Pflegekraft unterstützt. Was aber, wenn Pflegebedürftige nicht mehr alleine aufstehen können? Wenn sie nicht mehr in der Lage sind, sich selbst richtig hinzulegen? Oder auch nur ihr Kissen zu richten? Dann wird’s schwierig.

Die Angebote für junge Pflegefälle

Andere Kurzzeitpflegemöglichkeiten waren eher mit Senioren ausgelastet. Ich habe nichts gegen Senioren, im Gegenteil. Trotzdem stellte und stellt sich mir nach wie vor die Frage: Warum gibt es keine Angebote für jüngere Pflegebedürftige? Weil das Klientel nicht existiert? Doch! In jeder Stadt leben viele junge Pflegefälle. Und genauso viele pflegende Angehörige, die sich Hilfestellungen wie Kurzzeitpflege und Co. wünschen.

Es muss viel mehr Angebote geben, die für jüngere Menschen gedacht sind.

Glücklich schätzen können sich diejenigen, die im Leben nichts mit Pflege zu tun haben. Aber das ist eher selten der Fall. Natürlich haben wir pflegenden Angehörigen uns ein anderes Leben vorgestellt. Aber es ist nun mal so gekommen. Für mich kann ich schreiben, dass Pflege mir vieles gibt.  Ich würde auch bei besserem Angebot nur im Notfall auf Kurzzeitpflegeplätze zurückgreifen. Wenn mir und meinem Mann keine anderen Optionen mehr offenbleiben. Die Gründe hierfür habe ich in meiner vorherigen Kolumne dargelegt. Trotzdem finde ich es sehr wichtig, dass sich das Pflegebild dreht.

Pflege hat nicht nur mit dem Alter zu tun, Pflege kann wirklich jeden treffen.

Wie sehen Sie das?  Ist Ihres Erachtens das Bild tatsächlich verzerrt?  Gibt es Pflegeangebote für junge Pflegefälle, die Ihnen geholfen haben und über die die Pflegebibel berichten sollte?

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen viel Kraft, sofern Sie in einer kraftraubenden Situation stecken.

Ihre Wiebke Worm  

 

Über Wiebke Worm

Wiebke Worm schreibt die Pflegebibel-Kolumne Pflege allein zu Haus. Die Buchautorin, Illustratorin und Fotografin pflegt ihren MS-kranken Mann. Gemeinsam mit Betroffenen und anderen pflegenden Angehörigen hat die ehemalige Crew-Managerin den Sammelband Wir bauen eine Brücke herausgegeben. Über ihre Facebook-Seite Wir pflegen unsere Lieben betreut sie die Aktion Herzensangelegenheiten, die Aufmerksamkeit für die Lebensumstände pflegender Angehöriger schaffen soll. Bei uns schreibt die Autorin über ihren Pflegealltag und gibt nützliche Tipps für pflegende Angehörige und Betroffene.

5 KOMMENTARE

  1. Mein Mann (35) und ich (36) haben MS. Er ist schwerst pflegebedürftig, bei mir ist die MS momentan inaktiv. Sein “Glück” ist, dass er mit einer Tracheostomie und Absaugepflicht, eine Intensivpflege-Verordnung hat und ich selbst Pflegefachkraft bin. So wird er 12 Std. durch den Pflegedienst und 12 Std. von mir versorgt und das Zuhause. Ohne diese Verordnung müsste ich aufhören zu Arbeiten und mit knapp 480 € über die Runden kommen.

    • Liebe Silvia Roth, was für ein Schicksal. Und ja, wie gut, dass Sie solch eine Verordnung haben! Ich hoffe, das bleibt so. Ich hoffe auch, dass Sie noch lange die Kraft haben, diese Doppelrolle auszufüllen. Ich kenne inzwischen so viele die ihren Brotjob aufgeben mussten. Wenn man dann noch zum Bittsteller auf Ämtern wird, ist es mehr als bitter. Alles Gute für Sie und Ihren Mann und danke für den Kommentar
      Ihre Wiebke Worm

  2. Zuerst einmal wie definieren Sie jung? Mit dem PSG II wird die Altersgrenze für junge Behinderte Menschen aufgehoben, aber das war sicher so nicht gemeint. Aktuell ab 22.08. bilden wir Betreuungsassistenten/innen mit dem Schwerpunkt Kinder- und Behindertenhilfe aus. http://www.akademie-facultas.de Standort Cadenberge. Zumindest ein kleiner Schritt in die richtige Richtung mal nicht nur für die alten Menschen etwas zu tun.

    • Sehr geehrte Frau Fuchs,
      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich definiere jung von 19 – ca 60. Das ist eine sehr breite Spanne, dessen bin ich mir bewusst. Aber gerade der Bereich ist, wenn stärkere Beeinträchtigungen vorliegen, meines Erachtens zu wenig berücksichtigt. Für Kinder wird ein bisschen was gemacht, was ich super finde. Wie ja auch von Ihnen geschrieben. Für Senioren wird recht viele gemacht. Die Jahrgängen dazwischen bleiben, so ist das Feedback aus den Facebookgruppen an mich, oft auf der Strecke. Und so ist auch meine Erfahrung.
      Ihnen weiterhin alles Gute mit freundlichem Gruß
      Wiebke Worm

  3. Unser Sebastian ist 32 Jahre alt, PS III mit eingeschränkter Alltagskompetenz. Er geht in die Behindertenwerkstatt.
    Die Arbeit dort, seine Freunde und die Mitarbeiter sind Teil seines Lebens. Wenn wir in Urlaub fahren – Mama, Papa und kleiner Bruder – fährt Sebastian in den Menzestift. Das ist ein Behindertenheim das der Werkstatt in die Sebastian geht angegliedert ist. D.h. der gleiche Träger. Bastian geht dann tagsüber in die Werkstatt und fährt
    dann nachmittags mit einigen Mitbewohnern zurück in den Menzestift. Es ist kein Problem, das Sebastian nur 5 Stunden arbeitsfähig ist. Da hat er seinen Tagesablauf fast wie zu Hause. Finanziert wird das zum einen über die Kurzzeitpflege der Krankenkasse, den Rest übernimmt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

    Weiter kann er an Aktivitäten der Lebenshilfe teilnehmen. Mit denen könnte er – auch im Pflegerollstuhl – in Urlaub fahren. Es gibt so viele Hilfsangebote. Man muss nur das für jeden passende herausfinden.

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