Blindheit als Begabung: Mit feinen Fingern gegen Krebs

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Erste medizinische Brusttasterin in der Region Stuttgart ausgebildet.

Medizinische Tastuntersucherin können bereits ab einer Größe von sechs Milimetern Knoten feststellen. (Foto: Discovering Hands)

Sindelfingen/Aidlingen: Millimeter für Millimeter tastet sich Daniela Mettvett vor. Ihre Finger gleiten an einem aufgeklebten Maßband entlang, über die Brust einer Patientin. Mit bloßen Händen erkennt sie kleinste Knoten und Zysten. Die 42-Jährige ist in der Region Stuttgart die erste Tasterin in der Brustkrebsfrüherkennung. Die MTUs (Medizinische Tastuntersucherin) sind Sehbehinderte oder blinde Frauen, mit einem ausgeprägten Tastsinn. Diesen nutzen sie, um drei Ebenen tief Brustgewebe, Lymphbahnen und -knoten am Hals sowie am Brustbein und in den Achseln zu untersuchen.

Schneller als jeder Arzt

Das Tasten ist eine Alternative zur Mammographie, also der Röntgenuntersuchung der Brust. Es ist unbedenklich und schmerzfrei. In etwa 30 Prozent der Fälle wird zusätzlich der Arzt konsultiert. Etwa, wenn das Gewebe sehr dicht ist oder Mettvett eine Veränderung getastet hat. Sogar bei Brustimplantaten kann die Methode angewandt werden. Ins Leben gerufen hat den Beruf der Tasterin Discovery Hands. In einer neunmonatigen Ausbildung bereitet die Firma aus Mülheim an der Ruhr Frauen darauf vor, im Gewebe nach Knötchen zu fahnden. „Ab einer Größe von sechs Millimetern kann ich Befunde ertasten“, sagt Mettvett. Damit ist sie besser als die meisten Ärzte, die typischerweise Tumore finden, die ein bis zwei Zentimeter groß sind. Das kann den großen Unterschied machen. Denn die Zeit, in der ein Tumor auf eine Größe wächst, die auch ein Arzt erkennen kann, ist auch die Zeit, die er hat, um seine Zellen in den Körper zu schicken und lebensbedrohliche Metastasen zu bilden, wie Gynäkologe und Discovery Hands-Gründer Frank Hoffmann verdeutlicht.

Der Weg zur MTU

Um herauszufinden, ob sie für den Beruf geeignet ist, hat Mettvett einen einwöchigen Vorbereitungskurs absolviert. „Zum einen geht es darum, herauszufinden, ob ich meine Finger sensibilisieren kann; zum anderen geht es um soziale Fähigkeiten, wie den Umgang mit Patientinnen“, erläutert die Aidlingerin das Procedere. Bei Eignung beginnt eine sechsmonatige Theoriephase, auf die drei Monate Praxis folgen. Beides hat die frisch gebackene MTU jetzt abgeschlossen. Nun ist sie auf Jobsuche. Die letzten drei Praxiswochen arbeitete Mettvett bei einer Frauenärztin in Sindelfingen. Bis zu neun Patientinnen untersuchte sie pro Tag. Wobei die Resonanz der untersuchten Frauen außerordentlich gut war, wie Mettvett versichert. Sie erweitert nun den Kreis von derzeit bundesweit 29 MTUs, die in der Brustkrebsfrüherkennung arbeiten, um sechs Kolleginnen.

Blindheit als Stärke einsetzen

Auf den neuen Beruf aufmerksam geworden ist Mettvett über die Fachmesse “Besser sehen” der Nikolauspflege in Stuttgart. Neben neuen Braille-Geräten und anderen Lesehilfen fand sie den Stand von Discovery Hands. Glück im Unglück für die Frau, deren Sehfähigkeiten sich in den zurückliegenden drei Jahren drastisch verschlechtert haben. Durch eine Diabeteserkrankung sieht sie auf einem Auge nur noch hell und dunkel, auf dem anderen beträgt die Sehfähigkeit etwa 25 Prozent. Mettvett hatte zudem kurz vor dem Messebesuch ihre Arbeit verloren. Betriebsbedingt wurde der Frau gekündigt, die mehr als 20 Jahre lang Elektroteile gelötet und zusammengesteckt hat. „Das war ein Schock“, berichtet die Tasterin. Nun hat sich die Situation gedreht. Aus einer vermeintlichen Schwäche machen die blinden Frauen eine Stärke. Und schaffen sich damit eine berufliche Perspektive.


Michael Sudahl (Jahrgang 1973) ist Pflegebibel-Initiator und greift am liebsten zu brisanten Themen in die Tasten. Der gelernter Banker, Journalist und Körpertherapeut ist seit Jahren in der Pflege unterwegs: Er berät soziale Organisationen in der Kommunikation und geht als Lebensberater und Schattenjäger den Dingen gerne auf den Grund.
Michaels Motto: “Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt” (Ghandi)

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