Pflege trifft Geschichte: Die Wut der alten Dame

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Der berüchtigte Steckrübenwinter

Alte Dame
Bild: pixabay.com

Hundertjährige gibt es heute fast in jeder Pflegeeinrichtung. Als ich 1991 meinen Beruf begann, waren sie noch selten. Die alte Dame war Jahrgang 1917. In diesem Jahr war der berüchtigte Steckrübenwinter, in dem die Nahrungsration für einen erwachsenen Deutschen gerade einmal 1000 Kalorien betrug. Tatsächlich erlebten wir Pflegenden die Menschen jener Jahrgänge immer als extrem zäh. Jene Frau sprach noch munter vor sich hin, obwohl sie inzwischen ein hilfloses Bündel von kaum 40 Kilogramm war. Sie war lungenkrank, dement im fortgeschrittenen Stadium und fast blind. Das Pflegepersonal hatte jedoch ein Problem. Bei der Pflege kam es vor, dass die Dame, schrie, biss und um sich schlug.

Durch Verluste geprägt

Der schlechte Eindruck, den ihre Pfleger gewannen, relativierte sich beim Blick in ihre Biographie. Sie war aus Ostpreußen geflohen, im klirrenden Winter, über Schnee und das dünne Eis der Ostsee. Sie war damals hochschwanger und niemand weiß, ob sie Vergewaltigern in die Hände gefallen war. Davon hat sie nie erzählt. Sicher ist, dass Flüchtlingstrecks von Jagdfliegern verfolgt wurden. Die Schwester und zwei ihrer Nichten ertranken auf der Wilhelm Gustloff. Später verließ sie mit dem letzten Zug den Dresdner Hauptbahnhof, unmittelbar vor dem verheerenden Bombenangriff auf die Stadt. Ihr Kind verlor sie im Nachkriegsjahr durch eine Infektionskrankheit. Ein weiterer Sohn starb mit etwa 50 Jahren an Krebs.

Warten auf den besseren Moment

Für das Personal war es wichtig, ihre Geschichte zu kennen. Eine mögliche Vergewaltigung ist bei Frauen der Kriegsgeneration immer zu bedenken. Mit diesem Wissen war es durchaus hinnehmbar, dass sie manchmal schrie und um sich schlug. Nun reduzierte niemand mehr ihr Verhalten auf das Schlagwort „aggressiv“. Wer all das erlebt hatte, und durch die Demenz wieder neu durchleben musste, der durfte auch mal schlagen und schreien. Was konnte uns dieses hilflose Bündel Mensch von kaum 40 Kilo denn tun? Wir hingegen konnten ihr etwas Gutes tun, indem wir uns zurückzogen, und auf einen besseren Moment für die Pflege warteten. Denn solche gab es durchaus.

Die Kindheit als Schlüssel

Die Pfleger fanden noch einen weiteren Kniff, ihr das Leben zu erleichtern. Die Dame stammte aus Königsberg, das im heutigen Polen an der Ostsee liegt. Und Kinder der Ostsee lieben das Lied ihrer Heimat: „Wo die Ostseewellen trecken an den Strand“. Wir kennen dieses Lied heute verfälscht als „Wo die Nordseewellen…“. Die Dame war durch Demenz und Blindheit völlig in ihre eigene Welt versunken. Die letzte Möglichkeit direkter Kommunikation waren die letzten Zeilen dieses Liedes. „Wo die Möwen schriegen, grell ins Sturmgebrus“, begann die Pflegekraft und die alte Dame fiel ein: „Da ist mine Heimat, da bin ick tu hus“. Auch während der Pflege konnte man die Dame durch summen der Melodie von ihren Ängsten ablenken. Dieses Beispiel zeigt, Geschichte ist für Pflegende wichtig.

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Marco Heinz
Marco Heinz (Jahrgang 1968) schloss 1994 seine Ausbildung zum Altenpfleger ab und ist seither im Beruf tätig. 2007 absolvierte er eine Weiterbildung zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft. Das Thema seiner Facharbeit lautete. "Puppen und Plüschtiere als Trost und Brücke zur Vergangenheit". Seit 2009 ist er in der Demenzabteilung eines Pflegeheims im Raum Stuttgart tätig. In all den Jahren ist ihm immer der Mensch in seinem Gegenüber wichtig geblieben. Biographiearbeit ist für ihn die Grundlage adäquater Pflege und Betreuung von Demenzkranken. Das Wissen und Erleben der Generationen, die heute in Heimen und von mobilen Diensten gepflegt werden, sieht er als unverzichtbaren Rohstoff, mit dem wir leider sehr verschwenderisch umgehen. In seiner Freizeit ist Marco Heinz begeisterter Fernwanderer und beschäftigt sich mit Literatur- Philosophie und Geschichte.

7 KOMMENTARE

  1. Ein schönes Beispiel, wie wichtig die Biografie einer Bewohnerin ist. Kleine Korrektur noch: Königsberg liegt nicht in Polen, sondern in Russland – oder vielleicht ein anderes Königsberg?

    • Das war ein Versehen. Das Königsberg in Russland, heute Kaliningrad ist wirklich gemeint. Nicht so lange, wie sie das Ostseewellen- Lied erkannte, aber doch in fortgeschrittener Phase ihrer Demenz konnte man die Dame auch fragen, wie der berühmte Philosoph dieser Stadt hieß: “Kant – Immanuel Kant”.

  2. Ich habe einen Dementen Herren bei mir aufgenommen. Er erzählt von Bruder und Schwestern. Er weiß nicht, ob sie noch leben. Wie komme ich da weiter?

    • Es gibt nicht die komplette Lösung. Die Metapher anhand der ich mich immer überprüfe nicht das Falsche zu tun, lautet: Vergleiche das Gehirn des Dementen mit einer Festplatte, die gerade abstürzt. Eine neue Datei darauf anlegen zu wollen, wäre purer Unsinn. Ich überlege immer, habe ich das gemacht? Das würde ihn demütig machen und wütend. In seinem Fall hieße das, er kann nicht erlernen, wo seine Geschwister sind. Sollten sie tot sein, erfährt er das in diesem Fall praktisch mehrmals am Tag, weil er ja nicht lernen kann. Patentlösung gibt es wie gesagt nicht, ich versuche immer, mit den Leuten auf die emotionale Ebene zu kommen, ist er stolz auf seine Geschwister, Geschwisterliebe ist großartig u.ä. Gerade weil die Situation nicht auflösbar ist, nehme ich es auch ruhig hin eventuell der Böse zu sein. Wenn er schimpft, dass ich unfähig bin, seine Geschwister zu finden (auch in harten eigentlich beleidigenden Worte, nehme ich das sehr demütig hin. Aus seiner Sicht ist es ja so. Manchmal schafft gerade dies Nichtwidersprechen neues Vertrauen.

  3. Ich finde es manchmal wichtiger, zu fragen: “Was löst der Bruder / die Schwestern für Erinnerungen bei Ihnen aus? Welche Gefühle liegen da zugrunde.” Denn manchmal scheinen mir Gefühle wichtiger, als Fakten zu klären…

  4. Dem will ich nicht widersprechen. Natürlich ist die emotionale Ebene am wichtigsten. Trotzdem finde ich Grundkenntnis geschichtlicher Fakten, gleichsam auch, was ich von Angehörigen eventuell Individuelles erfahre wichtig, um auf den möglichen Auslöser des Gefühls und darauf, woran die Pflegeperson ihn erinnert.

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