Tattoos und Piercings in der Pflege

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Alternatives Aussehen bei Pflegekräften kommt an

Pflegekräfte mit Tattoos, Piercings oder bunten Haaren sorgen für Gesprächsstoff und bleiben selbst demenziell veränderten Menschen länger im Gedächtnis. (Bild: Fotolia)

Ein Bild der Satire-Seite “Tattoofrei” löste eine hitzige Diskussion über Tattoos auf der Pflegebibel-Facebook-Seite aus. Schließlich gehören die bunten Körperbilder heute zum Alltag auf vielen Stationen. Trotzdem hält sich ihr negatives Image beharrlich. 

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Früher wechselte Dennis Schmidt die Haarfarbe im Wochenturnus. Zurzeit trägt der Altenpfleger und Praxisanleiter seinen Irokesen-Schnitt blond-schwarz gefärbt. Die Bewohner freuen sich jeden Tag auf „ihren“ Paradiesvogel mit bunten Haaren, Metall im Gesicht und diversen Tattoos. Manche fragen neugierig nach: Ob das nicht wehtue? Und was die Tattoos denn bedeuteten?

Bunte Pflege

Dennis Schmidt ist stolz auf seine “Schrauben” im Gesicht. (Foto: privat)

Seit sechs Jahren arbeitet Dennis bei der Wohngemeinschaft für Senioren bei Stuttgart. Eine Bewohnerin habe ihn mal gefragt, ob er Schrauben im Gesicht trüge, erinnert sich der Pflege-Punk. Ansonsten reagieren Kollegen, Bewohner oder Angehörige gelassen auf sein schrilles Äußeres. „Vor meiner Pflege-Ausbildung, wollte ich in den kaufmännischen Bereich“, erzählt der 26-Jährige, „bei Bewerbungsgesprächen schauten mich die Personaler ständig schief an. In der Pflege ist mir das nicht passiert.

Hauptsache hygienisch

Seine Chefin, Rosemarie Amos-Ziegler, ist kein Fan von Piercings. Eingestellt hat sie Dennis trotzdem. „Wir beschäftigen Mitarbeiter mit bunten Haaren, mit Tattoos und mit Piercings“, berichtet die Inhaberin lachend, „Hauptsache unsere Hygiene-Standards werden eingehalten. Darüber reden wir im Vorfeld mit unseren Bewerbern.“ In der Praxis bedeutet das: Keine Ringe. Weder am Finger, noch im Ohr noch in der Nase. Nicht nur, weil sich Krankheitserreger darauf sammeln. Die Regelung dient dem Selbstschutz: Demente Bewohner reißen gerne an baumelndem Schmuck.

Körperschmuck gehört zum individuellen Stil

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Viele Arbeitgeber in der Kreativbranche und im sozialen Bereich gehen mit dem Trend: Sie dulden Piercings, Tattoos, lange Bärte oder freche Haarschnitte. Nach außen signalisieren sie damit, dass ihr Unternehmen jung, vital und am Puls der Zeit ist. Insgesamt zeigt sich ein Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung von Körperschmuck: Tattoos sind längst gesellschaftsfähig geworden. Vor einigen Jahrzehnten umgab die Körperbilder, Markenzeichen von Rockern, Seeleuten oder Knastbrüdern, der Hauch des Verruchten. Heute sind sie für viele junge Erwachsene selbstverständlicher Ausdruck ihrer Individualität.

Piercings sind kein K.O.-Kriterium

Anders als Tattoos lässt sich Gesichtsschmuck während der Arbeitszeit nicht durch Kleidung verstecken. Zwar trägt auch manche Führungskraft heutzutage einen dezenten Stecker, trotzdem sorgen Nasenringe, geweitete Ohrläppchen oder gar Gesichts-Tattoos in Vorstellungsgesprächen immer noch für hochgezogene Augenbrauen. Gerade in traditionsbewussten Technikkonzernen, Versicherungen oder Banken. „Das Auftreten muss zum Unternehmen passen“, warnt Petra Cockrell die Freunde des individuellen Stils. Neben der Branche spiele auch die zukünftige Position eine wichtige Rolle. Für Lageristen gelten andere Maßstäbe als für Vertriebler im Außendienst mit ständigem Kontakt zum Kunden. „Im Normalfall sind Piercings kein K.O.-Kriterium“, erklärt die Karriereberaterin, „aber potentielle Arbeitgeber werden sich fragen: ‚Kann sich so ein Freigeist in unsere Unternehmenskultur einfügen?‘“

Pflege profitiert von interessanten Charakteren

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Einrichtungsleiter mit langer Mähne: Lars Kriegel. (Foto: privat)

Pflegekräfte brauchen sich in dieser Hinsicht jedoch kaum Sorgen machen. Nicht nur weil viele Einrichtungen händeringend Mitarbeiter suchen. Sondern weil Tattoos, Piercings oder bunte Haare Abwechslung in den Pflegealltag bringen und ein netter Gesprächsanlass für betreute Menschen sein können, so Cockrell. „Grundsätzlich sind Empathie und der professionelle Umgang mit den Menschen wichtiger als Äußerlichkeiten“, betont Lars Kriegel, „der Bezug zum Bewohner muss stimmen.“ Der Einrichtungsleiter des Seniorenwohnen Altoland trägt selber lange Haare. Seiner Erfahrung nach sind Senioren toleranter als man glaubt. Kriegel bestätigt Cockrells Vermutung: „Die älteren Herrschaften freuen sich über interessante Charaktere.“

Technik, die unter die Haut geht

Ob die Pflege auch neueren Trends so viel Toleranz entgegenbringt, bleibt abzuwarten. Wer heute aus der grauen Masse herauszustechen will, setzt auf Body-Modification: Brandings, Schnitte, Implantate oder Körperverstümmelung. Der aktuelle Schrei: Sich RFID-Chips unter die Haut spritzen, die Signale senden und Informationen vermitteln. Träger können mit den Transpondern bargeldlos bezahlen, Türen automatisch öffnen oder sich ausweisen. „Die Chips sind vielleicht irgendwann für die Pflege relevant“, erklärt der Pflege-Punk Dennis Schmidt, „wenn Patienten sich zum Beispiel Datenträger mit Informationen zu Medikamentenallergien implantieren.“ Datenschützer warnen allerdings davor, dass die Chips sehr leicht von Hackern ausgelesen werden können.

Die wichtigsten Infos zu Körperschmuck in der Pflege

  • Egal ob Ehering, Armbanduhr oder Festivalbändchen: Finger- und Unterarmschmuck dürfen in der Pflege aus hygienischen Gründen nicht getragen werden, da sie die Wirksamkeit der Händedesinfektion vermindern. Desinfektionsmittelreste, die unter dem Schmuck zurückbleiben, können zudem Hautirritationen hervorrufen.
  • Nasenringe, Halsketten oder große Ohrringe stellen ein Gesundheitsrisiko für Pflegende dar. Pflegekräfte müssen diese deshalb vor Dienstantritt entfernen oder abkleben.
  • Auch Nagellack und lange Fingernägel sind in der Pflege Tabu. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) warnt davor, dass sich auf den bunten Nägeln Krankheitserreger und Pilze sammeln, die zu Infektionen bei Patienten führen können.
  • Tattoos und nicht sichtbare Piercings gelten als unproblematisch, solange das betreffende Hautareal nicht entzündet ist.
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