Snoezelen – aber richtig

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Snoezelen-Expertin Prof. Krista Mertens über die passende Einrichtung sowie Snoezelen-Ausbildung.

Snozelen ist für jeden und jedes Alter geeignet. (Foto: Dusyma)

Professorin Krista Mertens ist mit Ad Verheul Begründerin der „International Snoezelen Association” (ISNA – „ISNA-Snoezelen professional e.V.“) und hat zahlreiche Publikationen rund um das Themengebiet verfasst. Die Berliner Dozentin gibt im Interview ein paar Tipps, wie Snoezelen-Räume einzurichten sind – und zeigt auf, was gerne falsch gemacht wird.

Prof. Dr. Krista Mertens (Berlin). (FOTO: privat)

Frau Mertens, kann man einen Snoezelen-Raum falsch einrichten?

Ich erlebe auf meinen Fortbildungen im In- und Ausland immer wieder, dass Multifunktionsräume nicht entsprechend den Bedürfnissen der Bewohner genutzt werden. Nicht jeder mag beispielsweise die Farbe Rot. Der Wunsch nach Entspannung führt dann nicht selten zu Unruhe und Stress – kann also anstatt für Ruhe, Entspannung und Wohlbefinden zu sorgen ins Gegenteil umschlagen.

Kombination bewirkt Wohlfühl-Effekte

Worauf genau sollten Pfleger bei der Einrichtung eines Therapie-Raumes achten?

Bei der Ausgestaltung des Raumes sollte die Farbe Weiß vorherrschen. Dieser wirkt jedoch durch die eingeschalteten farbigen Lichtelemente in den entsprechenden Farben. Klang– und Tonelemente, eventuell zusätzlich Aromen und natürlich die überlegt ausgewählte Musik bewirken in der entsprechenden Kombination diese positiven Wohlfühl-Effekte.

Die Basis eines Snoezelen-Raums bilden leise arbeitende Wassersäulen (meist mit Spiegelhintergrund), Flüssigkeitsprojektoren, die fantasievolle Bilder an der Wand entstehen lassen und oftmals auch ein einziges Foto wie Wolken, Meer oder Blüten. Das Deckenlicht muss gedimmt werden können.

Das klingt nach Reizüberflutung…

Die Gefahr ist eine Überstimulierung durch die oben genannten Lichtelemente, eine zu schnell drehende Spiegelkugeln oder Kleingeräte wie Massageroller, Igelbälle und anderes mehr. Wir waren aber beim Einrichten: Die Klienten ruhen auf großen Kissen, in bequemen Sitz- und Liegeflächen oder -Schaukeln. Die Größe des Raumes richtet sich nach der Zahl der Klienten. Wichtig ist: er muss gut zu belüften sein.

In den rückliegenden Jahren hat unser Verein geholfen, auch „Snoezelenwagen“ zu entwickeln. Diese eignen sich für die Pflege, da diese direkt an das Krankenbett herangeschoben werden können. Hier sollte man sich gut beraten lassen, eine Fort- und Weiterbildung ist also wichtig.

Beim Snoezelen tritt das limbische System in Aktion

Was genau bewirkt Snoezelen eigentlich?

Über die installierten Gerätschaften und weitere in die Intervention einbezogenen Materialien wirken visuelle, haptisch-somatische, kinästhetische, olfaktorische und akustische Reize auf den Menschen. Die hierbei angesprochenen Nah- und Fernsinne senden die Impulse ans Gehirn. Dort werden sie verarbeitet und zu einer sinnvollen Einheit verknüpft. Beim Snoezelen tritt das limbische System in Aktion, welches die Emotionen beeinflusst und lenkt.

 

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Das heißt, snoezelen ist auch für mich gut?

Ich möchte in der Kürze das Beispiel von meinen Mann beschreiben. Hier hätte ich nie gedacht, dass er einen Snoezelenraum annimmt. Da ich dringend in meinem Büro noch eine Arbeit zu erledigen hatte, habe ich ihn gebeten, in unseren Snoezelenraum zu gehen. Er nahm seine Akten mit und wollte dort arbeiten. Als ich ihn wieder holen wollte, ruhte er auf dem Wasserbett und betrachtete bei leiser Musik die Lichtelemente. Mittlerweile liegen im Snoezelenraum die Arbeitspapiere nur noch neben ihm. Also die Antwort: Ja, snoezelen ist für jeden Menschen ein Angebot zum Entspannen. Selbst für solche, die anfangs wenig aufgeschlossen gegenüber dieser „Therapieform“ sind.

Ich möchte bemerken: Alle Personen, welche die entsprechend überlegt ausgestatteten Snoezelenräume aufsuchen, sind begeistert, erholt, entspannt und anschließend ausgeglichener beziehungsweise aktiver. Ergebnisse zeigen auch, die Einnahme von Tranquilizern ist reduziert, Ängste werden abgebaut und die Nutzer sind nach dem Aufenthalt im Snoezelenraum (mindestens ca. 45-60 min.) aufnahmefähiger.

Beides ist wichtig: Einrichtung eines Snoezelenraumes und das Weiterbildungskonzept

Wie sieht es Ihrer Erfahrung nach in vielen Häusern mit der Qualifikation des Personals aus?

Seit mehr als 20 Jahren bilde ich nicht nur im Inland, sondern auch Ausland – seit acht Jahren in Korea und Japan – Fachkräfte für das Snoezelen aus. Die Räume in Deutschland sind von stark unterschiedlicher Qualität. Dagegen haben die Rehabilitationseinrichtungen in Korea eine hochwertige Ausstattung (Kosten bis um die 60.000 Euro). Die Koreaner lassen sich beraten und legen auf eine gute Schulung ihrer Fachkräfte wert (inzwischen mehr als 400 Personen). Das sind traumhafte Bedingungen. In Deutschland meint man nach meinen Beobachtungen nicht selten, dass einige wenige Gerätschaften zum Snoezelen ausreichen und eine spezielle Qualifikation unnötig sei. Da würde ich mir mehr Verantwortung seitens der Klinik- und Institutsleitung oder Heimbetreiber wünschen. Beides, die Einrichtung eines Snoezelenraumes und das Fort- und Weiterbildungskonzept, muss die Klientel mit deren Bedürfnissen berücksichtigen und dieser angepasst sein.

Checkliste für die Einrichtung eines Snoezelen-Raums

 

Raum

  • breite Tür (rollstuhlgerecht, mindestens l m Breite)
  • Vorhang (einschl. Halterung) zum Verdecken des Eingangsbereiches
  • gute Belüftung
  • evtl. Sauerstoffsäule (bei mangelnder Sauerstoffzufuhr im Raum)
  • Farbgestaltung (gebrochenes Weiß)
  • Deckenabhängung mit schwer entflammbarem, leichtem Material (Fallschirm oder Stoffbahnen über Seilspannsystem verlegt)
  • freie Wandflächen für Projektionen (in jedem Fall gegenüber Flüssigkeitsprojektor, Dia-Gerät bzw. Beamer)
  • größere Spiegelflächen an verschiedenen Wänden (durch weißes Rollo oder Vorhang abdeckbar)
  • Bodenbelag (rutschfest; für Rollstuhlfahrer geeignet)
  • Freiflächen auf dem Boden für Rollstühle
  • Heizkörper (Abdeckschutz)
  • Heizkreislauf (bei Fußbodenheizung keine großflächigen Teile direkt aufliegend)
  • Toilette und fließendes Wasser in unmittelbarer Nähe
  • Garderobe und Schuhablage vor dem Snoezelen-Raum
  • Tastmaterialien (nur im Eingangsbereich oder Vorflur)

Beleuchtung

  • Deckenbeleuchtung (durch Dimmer stufenlos einstellbar)
  • zusätzlich indirektes Licht
  • je ein starker Lichtspot (schwenkbar; oben an Längs- und Querwand angebracht)
  • Lichterketten oder Lichternetze (abnehmbar; sparsam einsetzen)
  • Lichtelemente einzeln schaltbar
  • alle Lampen durch Dimmer stufenlos einstellbar
  • Schaltkasten für alle elektronischen Geräte (nur für Betreuer – gut erreichbar; übersichtlich beschriftet)
  • Leuchte (grün/rot) außen an der Eingangstür (Signal: Bitte nicht eintreten bzw. Bitte um Ruhe)

Sitz- und Liegemöglichkeiten

  • bequem, auf den Adressatenkreis abgestimmt
  • geschlossene Liege- und Sitzflächen (sowohl für mehrere als auch einzelne Personen)
  • Liegeflächen in verschiedenen Höhen
  • ausreichend Kissen, Decken und Felle (in allen Größen und mit unterschiedlichen Materialien gefüllt)
  • waschbare Überzüge für Sitz- und Liegeflächen

Sicherheit

  • Ausgangstür durch Leuchtsignal gekennzeichnet
  • Sitzmöbel aus schwer entflammbarem Material
  • Stoffe (an Decke, Vorhänge, Abdeckungen …) aus schwer entflammbarem Material
  • Leuchtelemente mit ausreichendem Abstand zu Geräten (Stoffen)
  • Faserstränge der Faseroptik an den Enden verschweißt, an keiner Stelle aufgerissen
  • keine scharfen Ecken und Kanten im Raum und am Mobiliar (evtl. Eckenschützer)
  • keine herausragenden Griffleisten und Schlüssel (besser sind Schiebetüren)
  • Feuerlöscher griffbereit am Eingang
  • Telefon (Mobil-) mit Notrufnummer im Raum
  • VDE-Richtlinien und TÜV-Siegel an allen technischen Geräten
  • Installation aller technischer Geräte durch spezialisierte Fachleute oder Elektrobetriebe
  • ausreichend Steckdosen (Vorsicht mit vielen Verteilersteckdosen und vielen Verlängerungskabeln)
  • Netzstrom zum Teil auf 12 oder 24 Volt Niederspannung transformiert

 

 

 

 

 

 

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