Uhr zurück – dreimal Glück!

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Ein Blick zurück in die Vergangenheit kann Türen öffnen (Bild: pixabay.com)

Ein gutes Motto für die Betreuung von Menschen mit Demenz könnte sein: „Dreh doch mal die Uhr zurück.“ Demenz-Betreuer sind Uhren-Zurückdreher. Und manchmal auch Kalender-Zurückblätterer. Und das mindestens aus drei Gründen:

Uhr zurück – zum Ersten

Wer demente Menschen betreut, verschenkt seine Zeit. Und zwar ohne manchmal zu sehen, wieviel es „bringt“. Manchmal habe ich das Gefühl: „Jetzt habe ich zwei Stunden lang niemand anderen als Frau Busch betreut. Und kaum drehe ich mich weg, fängt sie wieder an zu weinen.“ Wer mit anderen Personengruppen zusammen arbeitet, sieht häufig schneller „Erfolg“. Wer mit Menschen mit Demenz arbeitet, muss bereit sein, seine Uhr zurück zu drehen und Zeit zu verschenken. Und war ohne immer sofort zu sehen, ob etwas zurück kommt.

Uhr zurück – zum Zweiten

Auch um in die Biographie von dementen Menschen zurückschauen zu können, muss man den Kalender zurück blättern. Wenn ich mit Frau Pfeifer in ihrem Fotoalbum blättere, erinnert sie sich an manches Erlebnis: An ihre Hochheit und ihre Kinder, an ihren Urlaub in Italien und an ihren Lieblingsplatz im Garten. Ein Blick zurück in die Biographie – auch das bedeutet, die Uhr zurück zu drehen. Das Gestern herbei zu holen. Um im Heute gute Gefühle zu wecken.

Uhr zurück – zum Dritten

Auch in Bezug auf die Zeitgeschichte bedeutet Betreuung, den Kalender zurück zu blättern. Wer weiß schon, was damals war: In den 50ern und den 60ern. Damals, als die Bewohner, die mir heute gegenüber sitzen, noch jung waren. Damals, als sie geprägt wurden. Einschneidende Erlebnisse wie die Mondlandung, der Bau der Berliner Mauer oder die wilden 68er. Menschen wie Konrad Adenauer, Romy Schneider oder Maryliin Monroe. Spannende Jahrzehnte sind es, die damals die Menschen so gemacht haben, wie sie heute sind. Und es lohnt sich, die Uhr zurück zu drehen.

Ich wünsche allen, die alte und demente Menschen betreuen viele gute Ideen, wie sie die Uhr zurückdrehen und im Kalender zurückblättern können. Es lohnt sich, mit Frau Pfeifer und Frau Busch zurückzuschauen – ob in die Zeitgeschichte oder die Biographie. Es kann meinem Gegenüber schöne Gefühle geben. Und ich kann jede Menge dabei lernen. Nicht nur über Romy Schneider und Konrad Adenauer.